Kleingärtnerbewegung in Deutschland und Sachsen

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Gegenwärtig werden in Deutschland über eine Million Kleingärten bewirtschaftet, davon etwa die Hälfte in den neuen Bundesländern. Die Kleingärtner haben sich in Vereinen des bürgerlichen Rechts zusammengeschlossen, um Land zu pachten, Kleingartenanlagen aufzubauen, zu betreiben und auch gegen verschiedene politische und wirtschaftliche Begehrlichkeiten zu verteidigen. In einem längeren Prozess organisierten sich die Vereine in Verbänden im Territorium, auf Länderbasis und im gesamten Staat.
Im Bundeskleingartengesetz (BKleingG).vom 28. Februar 1983, mit Änderung des BKleingG. vom 8.April 1994, ist der Begriff Kleingarten definiert.
(1) Ein Kleingarten ist ein Garten, der

  1. dem Nutzer (Kleingärtner) zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient (kleingärtnerische Nutzung) und
  2. in einer Anlage liegt, in der mehrere Einzelgärten mit gemeinschaftlichen Einrichtungen, zum Beispiel Wegen, Spielflächen und Vereinshäusern, zusammengefasst sind (Kleingartenanlage).

Die Kleingärtnerbewegung entstand im Zusammenhang mit der industriellen Entwicklung, die mit der Entstehung von Industriegemeinden und großen Städten einherging. Immer mehr Menschen verließen die ländlichen Gebiete (Landflucht) und suchten in den Industriegebieten und Städten Unterkunft und Arbeit. Die Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse waren in den industriellen Gründerjahren meist menschenunwürdig und führten zur Verelendung von mehr oder weniger breiten Bevölkerungsschichten. Die erste Generation der Stadtankömmlinge, noch über Erfahrungen der Eigenversorgung verfügend, nutzte wohl spontan Flächen am Rande der Städte zum Anbau von Kartoffeln und Kohl. Die Brachflächen waren als Bauerwartungsland nur kurzfristig zu nutzen.
In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, durch umfassende Industrialisierung gekennzeichnet, entstanden verschiedene Bewegungen, die sich die Verbesserung der Lebenslage armer Bevölkerungsschichten, vor allem auch der Kinder, auf die Fahnen schrieben. Die Motive der Initiatoren waren verschieden. Es entstanden zum Beispiel Bewegungen:

  • zur Betreuung von Armen. Die Armengärten sollten die Eigeninitiative der meist entwurzelten Menschen fördern, was auch die Entlastung der Gemeindekassen ermöglichte. Ein erster Verein entstand 1814 in Kappeln. Landgraf Carl von Hessen ließ dort Armengärten anlegen.
  • zur Gesundheitsförderung. Durch Bewegung und Gartennutzung im Freien sollte ein Ausgleich für schlechte Lebens- und Wohnbedingungen erfolgen. Die Schrebergartenbewegung, im 20. Jahrhundert Synonym für Kleingartenbewegung in Deutschland, entsprang der Idee zur Gesundheitsförderung für Kinder, die in engen städtischen Wohngebieten leben mussten, durch Bewegung im Freien. Erst später entwickelten sich auf dem Vereinsgelände in Leipzig Kleingärten.
  • zur Förderung der Naturverbundenheit und von Naturheilverfahren. Die Gärten des Roten Kreuzes könnten hier zugeordnet werden.
  • zur Förderung von Stammbelegschaften. Unternehmer förderten, neben der Bereitstellung von betrieblichen Wohnungen mit Fabrikgärten, die Herausbildung von Stammbelegschaften. Die Eisenbahnergärten sind als Beispiel zu nennen.

In der Landeshauptstadt Dresden findet man Kleingärtnervereine, die ihren Ursprung in den verschiedenen Bewegungen haben.
Mit dem Erstarken der Kleingärtnerbewegungen erkannten die jeweils im Staat Verantwortlichen Möglichkeiten zur Beeinflussung der Kleingärtner im Sinne ihrer Ziele und nutzen diese.
Ein krasses Beispiel des Missbrauches der Kleingärtneridee erfolgte in der Politik des Nazistaates durch Gleichschaltung und Nutzung der Produktion der Kleingärtner im Rahmen der Kriegsvorbereitungen.

Die Kleingärtner in Deutschland bewirtschaften ihre Gärten und Vereinsflächen fast ausschließlich auf Pachtland. Von Beginn des Bestehens der Kleingärtnervereine an, war ein Kampf um die Gewinnung der erforderlichen Bodenflächen und der Sicherung ihrer langfristigen Nutzung zu führen. Mit der Verknappung und damit der Verteuerung innerstädtischer Bodenflächen, erhöhten sich Verdrängungsdruck und Pachtpreis für die Kleingärten bis in die heutige Zeit.

Nach Überwindung von Hunger und Erreichen eines gewissen Wohlstandes größerer Bevölkerungsteile nach dem 2. Weltkrieg, ging das Interesse für die Notwendigkeit der Produktion von Obst und Gemüse bei Teilen der Kleingärtner, besonders in Westdeutschland, zurück. Die Tendenz der Nutzung der Kleingärten für Erholungszwecke und damit eines höheren finanziellen Aufwandes bei der Gestaltung der Gärten, nahm zu. Gleichzeitig erhöhten die Bodeneigentümer die Pachtsumme. Damit verringerte sich die Möglichkeit finanziell schlecht gestellter Familien, einen Kleingarten zu erwerben.

Diesen Tendenzen wirken zunehmend ökologische Gesichtspunkte und Interessen entgegen. Das selbst gesund erzeugte Gartenprodukt, die Vielfalt an Pflanzen, Säugern und Kleinlebewesen im ökologisch bewirtschafteten Garten, der Gemeinnutz beim Einbinden der Kleingärten in die Grünzonen der Städte, stellen neue Motivationen für die Kleingärtnerbewegung, neben den historisch bewährten, dar.


(Das Copyright dieser Chronik liegt beim Kleingärtnerverein Pillnitzer Gartenfreunde e.V. –
Vervielfältigungen, einzelne Entnahmen von Textstellen bzw. Fotos bedürfen der Zustimmung !)

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